Beim Stillen kommt man quasi nicht an ihnen vorbei: Stilleinlagen! Sie saugen auslaufende Muttermilch auf, schützen Kleidung vor Flecken und können bei wunden Brustwarzen sogar die Heilung unterstützen. Das klingt nach einem kleinen Produkt. Aber in einem Jahr Stillen kommen schnell über 1.300 Wegwerfeinlagen zusammen – das ist eine Menge Müll und Geld für etwas, das man auch einmal kaufen und immer wieder waschen kann.
Die Alternative sind waschbare Stilleinlagen aus Stoff. Sie sind langlebig, hautfreundlich, und wenn man die richtige Einlage für sich gefunden hat, im Alltag kaum aufwendiger als ihr Wegwerfpendant. Das Problem: Der Markt ist unübersichtlich. Baumwolle, Hanf, Wolle, Pocket-Systeme, verschiedene Größen und Lagen. Wie soll man da den Überblick behalten?
Deshalb haben wir 6 Stilleinlagen aus Stoff unter die Lupe genommen und in einem standardisierten Saugvolumencheck getestet. Mit echter Messmethodik, konkreten Milliliter-Angaben und ehrlichem Urteil, und wie immer inklusive Kritikpunkten.
Was dich in diesem Artikel erwartet:
- Testmethodik: Wie wir gemessen haben und warum
- Ergebnisse: Saugvolumen, Material, Preis und Zertifikate im Vergleich
- Wegwerfeinlagen zum Vergleich
- FAQ: Die häufigsten Fragen rund ums Thema
Kurz vorab: Für diesen Test und Artikel zeichnet sich ursprünglich Lydia von the nappy business verantwortlich. Der Artikel wurde von Susann Köthe (Inhaberin von Stoffwindelguru und babysnatur.de, seit 1999 im Stoffwindelbereich) geprüft und aktualisiert.
Was sind Stilleinlagen – und wofür brauche ich sie?
Stilleinlagen sind dünne, scheibenförmige Einlagen, die du im Still-BH trägst. Sie liegen direkt auf der Brustwarze und saugen Muttermilch auf, die zwischen den Mahlzeiten oder beim Anlegen der anderen Brust ausläuft. Das passiert besonders häufig in den ersten Wochen der Stillzeit, wenn die Milchproduktion sich noch einpendelt.
Sie schützen also die Kleidung vor Flecken, halten die Haut trocken und bei den richtigen Materialien können sie bei wunden oder empfindlichen Brustwarzen sogar die Heilung aktiv unterstützen.
Nicht jede Stillende braucht sie in gleicher Menge oder über die gesamte Stillzeit. Manche kommen ab dem zweiten oder dritten Monat kaum noch ohne aus, andere brauchen sie nur nachts oder nur in der Anfangszeit. Das ist vollkommen individuell.
Wegwerfeinlagen vs. waschbare Stilleinlagen: Was steckt dahinter?
Schauen wir uns kurz die Zahlen an – die sprechen für sich.
Wer Stilleinlagen im Schnitt viermal täglich wechselt, kommt auf 28 Einwegeinlagen pro Woche. In einem Monat sind das rund 112 Stück, über 12 Monate Stillen summiert sich das auf 1.344 Wegwerfeinlagen. Pro Kind. Das ist eine beachtliche Menge Müll und geht auch ins Geld: Zwölf Monate mit Stilleinlagen von Lansinoh kosten beispielsweise fast 200 € für etwas, das direkt in der Mülltonne landet.
Waschbare Stilleinlagen aus Stoff kaufst du einmal. Du wäschst sie mit der restlichen Wäsche mit, trocknest sie und trägst sie wieder. Fertig. Und im Gegensatz zu Einwegprodukten aus Kunststoffvlies, Superabsorber-Polymeren und Papier bieten viele Stoffvarianten ein deutlich angenehmeres Hautklima. Das ist gerade für empfindliche oder wunde Brustwarzen ein relevanter Unterschied.
Klar: Auch waschbare Einlagen landen irgendwann im Müll. Aber eben nicht nach einem Tag.
Welche Materialien gibt es – und was können sie?
Die Materialauswahl bei waschbaren Stilleinlagen ist breiter als viele erwarten. Ein kurzer Überblick:
Baumwolle (kbA oder GOTS-zertifiziert) Der Klassiker. Weich, atmungsaktiv, gut waschbar und für die meisten Brustwarzen hautverträglich. Bei zertifizierter Bio-Baumwolle (kbA = kontrolliert biologischer Anbau, GOTS = Global Organic Textile Standard) kannst du sicher sein, dass keine Pestizide oder Schadstoffe im Spiel sind – wichtig, denn die Einlage liegt direkt auf der Haut.
Hanf (oft in Kombination mit Baumwolle) Hanf hat ein höheres Saugvermögen als reine Baumwolle und ist von Natur aus antibakteriell. Viele der getesteten Einlagen setzen auf einen Hanf-Baumwoll-Mix für die Saugschicht. Hanf wird mit Waschgängen weicher – nach dem Einwaschen oft angenehmer als anfangs.
Wolle (kbT-zertifiziert, mulesing-frei) Wolleinlagen sind ein Geheimtipp, besonders bei wunden Brustwarzen. Wolle hält durch das enthaltene Lanolin von Natur aus trocken, schützt gleichzeitig vor Auslaufen und reguliert Temperatur. kbT steht für kontrolliert biologische Tierhaltung – wichtig, um Mulesing (ein schmerzhaftes Schurverfahren) auszuschließen. Wolleinlagen brauchen mehr Pflege als Baumwolle (Handwäsche oder Wollprogramm, gelegentlich Lanolin nachfetten), bieten dafür aber einzigartige Hautverträglichkeit.
Lyocell / TENCEL® Eine holzbasierte Faser aus nachhaltiger Forstwirtschaft, die sich seidig-glatt anfühlt und angenehm kühlend wirkt. Für den Auslaufschutz wird gezielt eine PUL-Schicht ergänzt – beide Materialien spielen ihre Stärken aus: Lyocell für den Tragekomfort, PUL für die Dichtigkeit. Mehr zu Lyocell als Material gibt es bald in einem eigenen Beitrag.
Kaschmir Selten, aber existent: Upcycling-Kaschmir als Außenstoff verleiht ein besonders weiches Tragegefühl und wirkt wärmend. Oft in kombinierten Pocket-Systemen.
Was du beim Kauf im Blick haben solltest
- Zertifikate für Baumwolle: kbA oder GOTS
- Zertifikate für Wolle: kbT, explizit mulesing-frei
- Ob ein PU- oder PUL-Nässeschutz enthalten ist (relevant für Materialempfindlichkeit)
- Ob Silber- oder Zinkverbindungen enthalten sind (dazu mehr weiter unten)
So haben wir die Stilleinlagen getestet
Für einen möglichst realitätsnahen Test haben wir eine Lösung zur Simulation von Muttermilch angerührt: handwarmes Wasser mit Industriezucker. Die Zusammensetzung mit 7 g Zucker auf 100 ml Wasser entspricht dem Laktosegehalt reifer Muttermilch (Quelle: Parlesak, Alexandr (2003), S. 4, siehe Quellenverzeichnis).
Alle Stilleinlagen waren vor dem Test gut eingewaschen. Sie wurden auf Löschpapier gelegt und mit der Wasser-Zuckerlösung mittig betropft – ungefähr dort, wo im Tragegeschehen die Brustwarze liegt. Dafür haben wir eine 20-ml-Spritze verwendet, um das Tropfen präzise zu dosieren.
Anders als bei Saugvolumentests für Stoffwindeln haben wir den Test bereits gestoppt, sobald Flüssigkeit auf dem Löschpapier sichtbar wurde – also in dem Moment, in dem im echten Leben die ersten Flecken im T-Shirt entstehen würden. Das ist der erste Messwert. Anschließend haben wir weiter getropft, bis die Einlage tatsächlich keine Flüssigkeit mehr aufnehmen konnte – das ist der zweite Messwert.
Beide Werte zusammen geben ein realistisches Bild: Wann beginnt es problematisch zu werden? Und wie viel hält die Einlage insgesamt aus?
Ein wichtiger Hinweis: Das Saugvolumen sagt nur dann etwas aus, wenn die Einlage richtig sitzt. Ist sie verrutscht oder liegt die Brustwarze nicht mittig auf der Einlage, wird das Saugpotenzial nicht ausgeschöpft. Die richtige Größe für die eigene Brust spielt also eine echte Rolle.
Anmerkungen: In der folgenden Auflistung liegt der Fokus auf dem Saugvolumen, der Dicke, dem Material und dem Preis. Stilleinlagen können auch zum Schutz der Brustwarze oder für den Heilungsprozess entwickelt worden sein. In diesem Fall ist das Saugvolumen natürlich zweitrangig.
Jede Brust läuft anders aus. In vielen Fällen tropft sie einfach aus. Es kann aber auch passieren, dass die Milch springbrunnen-artig herausschießt. Für eine Vergleichbarkeit bzw. Umsetzbarkeit des Tests und die bessere Dosierbarkeit haben wir uns für das Tropfen entschieden.
Das maximale Aufnahmevolumen des Stoffes ist nicht zu verwechseln mit dem individuellen Wechselzeitpunkt.
Die nun folgende Liste soll einen Überblick über maximales Saugvolumen, Umweltverträglichkeit und Größe geben. Sie wird fortlaufend mit neuen Produkten ergänzt.
Anleitung Saugvolumencheck Mini E-Book
Die Testergebnisse: 6 waschbare Stilleinlagen im Vergleich
(Alphabetisch sortiert)
Ergebnisse Wegwerfstilleinlagen
Quellen:
- Parlesak, Alexandr (2003): Eigenschaften und Inhaltsstoffe von Kolostrum und reifer Frauenmilch In: Stillen – Frühkindliche Ernährung und reproduktive Gesundheit. Eds.: Scherbaum, Perl, Kretschmer Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 2003, S. 89-103
- Umweltbundesamt: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/3673.pdf
- Elanee zu Silber-Stilleinalgen: https://elanee.de/produkte/waschbare-silber-stilleinlagen/
- BMU, Bundeszentrale für Umwelt, Naturschutz und nukelare Sicherheit: https://www.bmu.de/themen/gesundheit-chemikalien/chemikaliensicherheit/biozide/
- Kantonales Labor Zürich: https://www.zh.ch/de/gesundheitsdirektion/kantonales-labor.html
- Ekologiska Mag: https://ekologiskamag.com/2021/02/06/der-grosse-vergleich-menstruationsunterwaesche/










